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Die «Fasnacht» und ihr enorm breites Wortfeld

Es ist allerorten unübersehbar – es ist wieder Fasnacht. Ein spannendes Wort für unsere Rubrik «Wort der Woche». Denn «Fasnacht» hat ein enorm breites Wortfeld entwickelt, das sprach- und kulturgeschichtlich höchst interessant ist.

Maske am DogenpalastIn der Schweiz beginnt die Fasnacht in Büren an der Aare mit dem sogenannten «Büre Nöijohr», dann folgt am «Schmutzigen Donnerstag» Luzern mit dem «Urknall» sowie Solothurn mit der «Chesslette»; Basel mit dem «Morgenstraich» und der «Cortège» bildet dann den Höhepunkt. In Winterthur findet die Fasnacht dieses Jahr am Wochenende vom 7. bis 10. März statt – mit allerlei Aktivitäten: der «Narrenbaum» wird aufgestellt, es gibt einen «Guggenumzug», eine «Altstadt-Dudlätä», den «Grossen Umzug» und den «Kinderumzug», dann wird der «Narrenbaum» gefällt und der «Böögg» verbrannt, zum Schluss gibt’s die «Uslumpete». An «Aschermittwoch» (in der Kirche werden die Gläubigen mit einem Aschezeichen gesegnet) ist dann alles vorbei – ausser im thurgauischen Ermatingen: Ende März gibt es hier die «Groppenfasnacht», die «späteste Fasnacht der Welt».

Das Wort «Fasnacht» ist der Überbegriff für ein Wortfeld, das ebenso breitgefächert wie reichhaltig in den lokalen Unterschieden der Gebräuche und Daten ist. Allein für das Wort «Fasnacht» gibt es unzählige Varianten: «Fastnacht», «Fasnet», «Fasching», «Fastelovend», «Fasteleer» usw. Dazu kommen Bezeichnungen wie «Karneval», «fünfte Jahreszeit» usw. In einer Volksetymologie (gemeint ist damit nach «Wikipedia» ein Wortbildungsprozess, bei dem ein unbekanntes Wort nach dem Vorbild eines vertraut klingenden Wortes in die Nehmersprache eingegliedert wird) wird «Fasnacht» auf die Wörter «fasten» und «Nacht» zurückgeführt: Gemeint ist also die «Nacht vor der Fastenzeit», den 40 Tagen vor Ostern. Sprachhistorisch gesehen liegt die Herkunft von «Fasnacht» allerdings nicht derart auf der Hand. Die Urform des Wortes ist «fasanaht», wobei der Wortteil «fasa» wohl etwas mit der Bedeutung «reinigen», «läutern» zu tun hat.

Dass die Fasnacht hauptsächlich mit dem Katholizismus zu tun hat, ist – historisch gesehen – zwiespältig. Die Gebräuche gehen wohl bereits auf vorchristliche Zeiten zurück, da standen sie stärker im Zusammenhang mit dem Ende des Winters bzw. mit dem Wiedererstarken der Natur, worauf es auch heute noch Anklänge gibt (vgl. das Verbrennen des Böögg in Winterthur). Fasnächtliche Aktivitäten sind dann wieder aus dem Spätmittelalter bekannt. Die katholische Kirche duldete diese Aktivitäten, da sie die «civitas diaboli», den Staat des Teufels, verkörperte − am Aschermittwoch musste dann aber wieder die «civitas Dei», der Staat Gottes, die Oberhand haben. Die Kirchenoberen versuchten immer wieder die (nicht zuletzt unter Alkoholeinfluss) überbordenden Aktivitäten einzuschränken. Die volkstümlichen Kräfte waren indes zumeist stärker. Der Protestantismus schaffte dann die Fastenzeit vor Ostern ab, und damit erübrigte sich auch die Fasnacht – zumindest war dies die Idee.

In der im Volk verankerten Kraft der Fasnacht liegt der Grund für die Vielfalt und Unterschiedlichkeit des fasnächtlichen Treibens in den Regionen. Es handelt sich eindeutig um eine Bewegung von unten, die – im Unterschied etwa zu den religiösen Feiertagen oder etwa dem «Sechseläuten» − in den Formen nie von oben reglementiert werden und in der die einfache Bevölkerung ihre Grenzen überschreiten konnten. Ein interessantes Merkmal, das sich durch fast alle Formen der Fasnacht hindurchzieht, ist die  –vorübergehende − Abschaffung der Ungleichheit, die durch die Verkleidung unterstützt wird. Diese Kraft, die sich in den vielfältigen Gebräuchen der Fasnacht zeigt, ist auch in der Sprachentwicklung zu sehen. Hier ist es vor allem die Jugend, die immer wieder neue, äusserst kreative sprachliche Formen entwickelt. Der «Duden» (quasi die sprachliche «Obrigkeit») hat es aufgegeben, gegen solche sprachliche Entwicklungen anzukämpfen. Allerdings eignet sich das anarchisch-kreative sprachliche Material der Jugend kaum für eine erfolgreiche Business-Kommunikation.

  1. Lisa
    27. September 2017, 11:16 | #1

    Ich glaube bisher habe ich noch keinen so ausführlichen Artikel zum Thema Fasnacht gelesen, aber mit Sicherheit noch keinen der mich so fasziniert hat. An die sprachliche Bedeutung und den Ursprung von Fasnacht heranzutreten und daraus so viel Informationen zu ziehen…unglaublich. Interessant hätte ich jetzt noch eine kurze Exkursion in die Tradition anderer Länder bezüglich Karneval gefunden. Beispielsweise den venezianischen Karneval oder den brasilianischen. Das sind ja nochmal 2 ganz andere Arten die Fasnacht zu zelebrieren als bei uns. In Venedig werden beispielsweise traditionell Porzellan-Masken und besonders herausragend stilisierte Kleider getragen, was darauf hindeutet, dass die venezianische Fasnacht eher der Oberschicht zuzuordnen war. Ganz im Gegensatz zum brasilianischen Karneval, der viel ausgelassener, farbenprächtiger und auch ein viel größere Variation an Fasnachts-Kostümen bietet. Da stell ich mir dann auch gleichzeitig die Frage: Ist der Ursprung des brasilianischen Karneval, genau wie hier, im kirchlichen Bereich zu suchen? Oder ist es wie bei Halloween eher etwas ‚übergewandertes‘ ? Und wie kommt es, dass sich so viel Menschen vom brasilianischen und venezianischen Karneval eher angezogen fühlen als andernorts? Die Fröhlichkeit und Ausgelassenheit sollte doch an allen Orten der Welt an denen die Fasnacht zelebriert wird gleich hoch sein? Gibt es auch wieder kulturelle Grenzen die das eine anziehender wirken lassen als das andere, oder ist es eher das Land, dass fasziniert? Bestimmt selbst bei der Entscheidung wo Fasnacht gefeiert wird die Umgebung unsere Entscheidung?

    Okay so stop. Genug gefragt. Würde mich jedenfalls sehr über eure Antworten freuen.

    Liebe Grüße
    Lisa

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