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Die Krim: Pro und Kontra zum Beitritt zu Russland

Unsere Übersetzerin in Russland, die uns bereits einige Impressionen von den Olympischen Winterspielen in Sotschi zugesandt hat, macht sich Gedanken zu den Ereignissen in der Ukraine, insbesondere zur Krim. Sie berichtet über die Reaktion der Russinnen und Russen und fügt einige persönliche Überlegungen an.

Die Situation rund um die kleine Halbinsel Krim erhitzt sich. Am 16. März wurde das Referendum durchgeführt, bei dem sich 96 Prozent der Bevölkerung für einen Beitritt zu Russland ausgesprochen haben. Zwei Tage später unterzeichnete Präsident Putin im Kreml einen Vertrag über die Aufnahme der völkerrechtlich zur Ukraine gehörenden Krim.

In Russland selber gibt es keine Einstimmigkeit. Einerseits bedeutet der Beitritt der Halbinsel zu Russland für die meisten Russen einen logischen Schritt, der seit vielen Jahren immer wieder diskutiert wurde. Bekanntlich ist der grösste Teil der Bevölkerung der Krim russisch. Am Dienstagabend feierten über 600‘000 Menschen die „Heimkehr“ der Krim nach Russland. Andrerseits verstehen die Russen, dass die Weltgemeinschaft diesen Entscheid kaum akzeptieren wird. Niemand in Russland will eine Wiederholung der blutigen Geschichte zwischen dem Kosovo und Serbien. Warum Präsident Putin so rasant reagierte und bereits zwei Tage nach dem Referendum einen Vertrag unterschrieb, bleibt für die meisten Russen ein Rätsel.

Auf dem russischen Internet finden sich dazu viele witzige Vermutungen. Eine davon hat mit der russischen Sportlerin und Duma-Abgeordneten Alina Kabaewa zu tun. Viele Russen vermuten, dass sich Präsident Putin letztes Jahr wegen ihr scheiden liess und sie ihm bereits zwei Kinder geschenkt hat.

Der obere Text lautet: «Bei meiner Ehre! Ich habe ihn zum Frauentag am 8. März um eine Dose Creme gebeten!» (auf Russisch klingelt das Wort «Creme» sehr ähnlich wie das Wort «Krim»). Der Satz unter den Bildern lautet: «Ich brauche einen neuen Kinderwagen, habe aber Angst, ihn darum zu bitten.» (Kinderwagen heisst auf Russisch «Kolyaska», was sehr ähnlich wie «Alaska» tönt).

Auf dem Internet kann man sich auch mit der To-Do-Liste des russischen Präsidenten vertraut machen, die in die gleiche Richtung zielt:

Universiade
Olympiade
Paraolympiade
Krim
Alaska

Ich persönlich habe widersprüchliche Gefühle. Mit dem Krim-Beitritt hat Russland seine geopolitische Lage verbessert und das russische Volk auf der Halbinsel sozusagen verteidigt. Jede Medaille hat aber eine Kehrseite.

Was ich befürchtet, sind nicht die Sanktionen, mit denen die Weltgemeinschaft droht. Jeder weiss, dass der russische Staatshaushalt extrem von den Einnahmen aus Rohstoffexporten abhängig ist. Die EU wird sich aber nie auf einen Unterbruch der Öl- und Gasimporte aus Russland einigen können, weil man in diesem Fall den Ast absägt, auf dem man sitzt. Was ich befürchte, sind die Massen- und die Social Media, die zum Hass zwischen unseren Völkern aufstacheln.

Ich war mehrmals in der Ukraine, habe ein paar gute Freunde und Bekannte dort. Ausserdem kenne ich viele Ukrainer, die in Russland arbeiten. Das ist unser Brudervolk, wir haben eine Sprache, eine Mentalität, eine gemeinsame Kultur. Was die Massmedien jetzt machen, ist inakzeptabel. Wenn man russische, ukrainische, deutsche und amerikanische TV- und Radio-Sendungen und Artikel über die Krim vergleicht, findet man kaum etwas Gemeinsames. Die Fakten werden unterschiedlich interpretiert, manchmal sogar verdreht.

Ich habe gestern mit einem ukrainischen Freund telefoniert, der in Kiew lebt. Er ist wie viele andere Ukrainer der Meinung, Janukowitsch sei ein Protegé des Kremls. Gemäss seiner Information haben sich nur 42 Prozent der Krimbevölkerung für den Beitritt ausgesprochen. Putin sei Hitler #2, sagt er. Der kümmere sich nicht um den Wohlstand des russischen Volkes und spiele sein eigenes Spiel.

Ich bin Patriotin, ich kann aber die Eile des russischen Präsidenten auch nicht nachvollziehen. Warum wurden zum Beispiel die Russen nicht gefragt, ob sie diesen Beitritt wünschen? Entweder gibt es einen Grund, den ein einfacher Russe nicht kennt, oder aber das Problem liegt noch tiefer. Was will Putin als Nächstes? Wo ist die Garantie, dass Deutschland das Kaliningrader Gebiet (ehemaliges Königsberg) nicht zurückverlangt? Japan könnte die Kurilen zurückverlangen. Was passiert, wenn Russland Ansprüche auf Alaska erhebt? Es gibt mehr Fragen als Antworten.

  1. Urs
    25. März 2014, 13:59 | #1

    Gerade im ersten Abschnitt verbreitest du die folgende Lügengeschichte – Ergebnis der Propaganda aus Russland, der du auf den Leim gekrochen bist – du schreibst: 96 Prozent der Bevölkerung hätten sich für einen Beitritt zu Russland ausgesprochen.

    Nun ist es aber mehr als ein Fakt, dass es bei der Abstimmung zum Referendum nur zwei Antwort-Möglichkeiten gab:

    – Wollen Sie die Krim an Russland angliedern?
    – Wollen Sie zurück zum Vertrag von 1977 (was eine Unabhängigkeit unter der Kontrolle von Russland bedeutet).

    Ein „Nein, wir wollen in der Ukraine bleiben“, gab es beim Referendum NICHT zur Auswahl. Deshalb hat jeder der Nein gestimmt hätte auch gar nicht erst an der Abstimmung teilgenommen.

    Dass du es nun also wagst, hier ungeprüft und lauthals die Propaganda des russischen Präsidenten zu wiedergeben, finde ich ein krasser journalistischer Faux-Pass.

    Ich habe einige Kollegen auf der Krim, die nun weinen und sie können nicht einfach wegziehen. Soviel zum Thema Schattenseite der Medaille.

  2. 31. März 2014, 11:19 | #2

    Im Lead zum Blog-Artikel steht, dass ich zu diesem Thema meine Gedanken wiedergeben wollte. Dabei stütze ich mich natürlich auf die Informationen, die man in Russland hat. Ich selber war beim Referendum nicht dabei. Gemäss russischen Medien haben sich 96 Prozent der Bevölkerung für einen Beitritt zu Russland ausgesprochen.
    Du rennst offene Türen ein: Dass die Medaille auch seine Kehrseite hat, wird im Artikel mehrmals deutlich. So kommt in einem späteren Abschnitt auch jemand zu Wort, der für die russische Seite überhaupt nichts übrig hat: Es seien – sagt er unter anderem – nur gerade 42 Prozent der Krimbevölkerung gewesen, die sich für den Beitritt ausgesprochen haben. Die Frage nach der Wahrheit ist, wie man sieht, selbstverständlich eine Frage der Perspektive.

  3. Beat
    9. April 2014, 18:09 | #3

    Nach dreissig Jahren Aufenthalt im Ausland, u.a. auch in Russland, habe ich immer wieder festgestellt, dass jedes Land oder jeder Kulturkreis eine eigene Ansicht zu Vorkommnissen in Drittländern hat. So war und bin ich immer in der Minderzahl, wenn ich mich beispielsweise mit Schweizern über die politische Lage in Südafrika, dem Sudan oder Russland unterhalte. Obschon ich dort gelebte habe, zählt meine Meinung weniger als jene der Medien. Aufgefallen ist mir auch, wie einseitig die Mehrzahl der Medien weltweit informiert. Interessant ist auch, wie die Leute überall der Ansicht sind, dass sie sich zu einer Lage eine eigene, neutrale Meinung gebildet haben.

    Nun zu Russland. Ich habe Land und Leute schätzen gelernt. Es war für mich sehr interessant, politische Lagen aus der Sicht von Russland zu sehen. Und es gibt eben verschiedene Ansichten – berechtigterweise Und es gibt verschiedene Interessen, die verteidigt werden. Man kann die jüngere Geschichte ansehen. Wie häufig hat der Westen interveniert einzig um seine Interessen zu verteidigen. Ich könnte ohne weiteres zehn Länder und Regionen aufführen. Wenn ich länger zurückschaue, kommt mir der Konflikt in den 60er Jahren in Kuba in den Sinn. Die UdSSR wollte auf Kuba Raketen stationieren. Und was haben die USA gemacht?

    Kurz und gut. Der Westen verteidigt seine Interessen, die Russen die ihren, die Chinesen die ihren usw.

    Meiner Ansicht nach hat die Russisch-Uebersetzerin eine relativ breite Sicht der Dinge in der Krim-Krise. Es zeigt, dass sie sich gut informiert hat, zuhause und auch im Ausland.

    Ich habe eine wunderbare Zeit in Moskau verbringen dürfen. Ich erinnere mich gerne an die ausgelassenen Feste unter Freunden. Und diese Freundschaften sind bis heute geblieben.

  4. 10. April 2014, 16:17 | #4

    Besten Dank für Ihre Reaktionen! Es ist spannend, Kommentare aus verschiedenen Perspektiven zum Thema Ukraine/Krim zu lesen. Ich danke auch unserer Russisch-Übersetzerin an dieser Stelle für ihre interessanten Überlegungen. Sie sind für mich sehr authentisch rübergekommen.

    Ich war selber mehrmals in Russland, so interessiert mich das Thema besonders. Mir scheint es wichtig, nicht nur eine Sichtweise, in diesem Fall die euro-amerikanische, zu lesen, die von Anfang an in den hiesigen Medien, insbesondere in den Zeitungen, dominierte.

    Unser Blog-Artikel über die Krim ist als Meinungsäusserung deklariert. Wir nehmen uns vor, zu aktuellen Themen Beiträge zu leisten, die für unsere Zielgruppe relevant sein könnten. Dabei wollen wir glaubwürdig auftreten. Das bedeutet für mich, dass man aktuelle politische Positionsbezüge auch mal hinterfragt: Sind wir dabei eigenständig? Kennen wir die jeweilige Situation − auch «die andere Seite»?

    Wenn daraus eine offene Diskussion entsteht, haben wir unser Ziel erfüllt. In diesem Sinne freue ich mich über jeden Kommentar. Er ist ein Zeichen dafür, dass unser Blog gelesen wird und sich der Aufwand lohnt.

  5. Alexander
    11. April 2014, 02:52 | #5

    Liebe Leute! Wir sind alle Opfer der Propagandaschlacht. @Urs, ich glaube nicht, dass Du ehrliche Kollegen auf Krim hast. Und wenn schon, informieren diese Dich falsch. Beim Referendum gab es Möglichkeit für den Verbleib in der Ukraine zu stimmen. sieh hier http://slon.ru/fast/russia/byulleteni-k-krymskomu-referendumu-pechatalis-na-obychnykh-lazernykh-printerakh-1071093.xhtml

    Aber, sind wir doch ehrlich, Ukraine ist ein failed state und einfach pleite. Ukrainisches Einkommen unterscheiden sich zu Ungunsten gegenüber dem Russischen um Faktor 3 (siehe Statistik Weltbank). Überwiegende Mehrheit der Krim-Bewohner ist russischstammig und es ist nur logisch, dass diese zurück in die Alte Heimat mit dreifachen Gehältern und Renten gewollt haben. Ob es wirklich 96 oder 85 Prozenten dafür-Stimmen gab ist irrelevant.

    Und dann wieso dürfen die Populisten und Putschisten in Kiew (Turchinow und Jazenyuk sind keine Lösung, vielmehr sind sie eine Ursache der Ukrainischen Misere – sie beide mischen über zehn Jahren in der Politik mit und haben das Land in diese missliche Lage gebracht) die Ukrainische Verfassung hin und her wechseln, zwei mal seit 2004 den rechtmässigen Präsidenten (dem ich keineswegs sympathisiere) verjagen und dann dem Krim es verbieten über den eigenen Schicksal zu entscheiden? Das haben sie mit russischer Unterstützung getan. Bosnier und Kosovaren hat man damals auch mit Maschinengewehren im Rücken abstimmen lassen… An Ergebnissen dortigen Wahlen zweifelt Urs wahrscheinlich nicht?

    Einzig habe ich den fahlen Nachgeschmack ab der Tatsache, dass Ukrainer keine Möglichkeit hatten am Referendum teilzunehmen.

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