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Winterthur, mini Liebi

An den Winterthurer Musikfestwochen schnellen alle Arme hoch.

«Winti macht glücklich und die Musikfestwochen erst recht!» Und wie glücklich war ich mit einem Klick.

Obwohl ich erst seit zwei Jahren in dieser äusserst charmanten, kulturell überschäumenden Stadt wohne – im Herzen weiss ich: Wenigstens mein rechter Fuss wurde als Winterthurer geboren. Zumindest dauert es nicht lange, bis er zu wippen beginnt, wann auch immer ich durch die Eulachstadt gehe oder in einer der unzähligen Café-Bars sitze. Denn eines ist in Winterthur gewiss: Irgendwo kommt Musik daher, springt einem ins Ohr und bleibt da sitzen. Und genau das ist es, was ich so mag. Während meiner Reisen durch England und Irland habe ich die Pubkultur kennen und lieben gelernt. Nein, nicht wegen des preiswerten Biers, wie man jetzt vermuten könnte; vor allem wegen der Livebands. Diese spielen echt, mit voller Hingabe und direkt ins Herz. Wenn ich so etwas in der Schweiz wiederfinde, dann hier in Winterthur. Und während der Winterthurer Musikfestwochen zwar nicht in einem schummrigen Pub, dafür aber unter freiem Himmel. Was gibt es Besseres. Trotzdem beneide ich jeweils während der zweiten Augusthälfte die Bewohnerinnen an der Steinberggasse sehr, die, gemütlich mit einem Gläschen Wein im Fensterbogen sitzend, dem Leadsänger zuprosten und dafür eine Liebeserklärung kassieren. Nicht fair!

Neben den Musikfestwochen hat Winterthur aber noch viel mehr an Kultur zu bieten: Jungkunst, Internationale Kurzfilmtage und Afropfingsten sind nur einige Stichworte. Und, eine grosse Sache, Winterthur feiert dieses Jahr noch mehr als sonst, wurde ihr doch vor 750 Jahren das Stadtrecht zugesprochen. So habe ich mich nicht schlecht gewundert, als ich im April beim Warten auf den Zug plötzlich Stimmen gehört habe. Zu meiner Beruhigung ging es nicht nur mir so – tatsächlich wurden über einen Lautsprecher Geschichten erzählt. Geschichten von herzzerreissenden Abschieden, einsamem Warten oder mirakulösen Begegnungen. Dazu sassen im Wartehäuschen auf Gleis 4/5 täuschend echte Puppen und haben für zusätzliche Irritation gesorgt.

Etwas, was auch den Videomachern der Musikfestwochen nicht entgangen ist, fehlt Winterthur tatsächlich: der See. Aber hey, wer braucht schon einen See? Sich erfrischen geht auch in der Töss, kein Problem. Ein besonders schönes Plätzchen ist gleich beim Wasserfall. Und nein, ich kann nicht beschreiben, wo das ist, so lange wohne ich jetzt auch noch nicht hier (siehe oben). Für mich ist Winterthur mit seinen vielen Stadtteilen − ehemals eigenständigen Gemeinden − immer noch sehr verwirrend. Ich bin froh, wenn ich den Weg nach Hause finde, wenn ich wieder mal aus Übermut einen anderen Weg gewählt habe. Bei diesem gibt es aber dank den wunderbar verschnörkelten alten Bauten mit den vielen Blumenranken immer etwas Neues zu entdecken.

Was dafür in Winterthur auf keinen Fall fehlen darf, ist ein mobiler Untersatz in Form eines klapprigen Drahtesels. Das Fahrrad sollte am besten secondhand, farbig und mit allen möglichen Sachen, die man gerade findet, verziert sein. Farbig vor allem deshalb, damit es auch im Nebel erkennbar ist – denn über dessen Fernbleiben kann sich Winterthur wirklich nicht beklagen. Immer, wenn ich mich mit jemandem ausserhalb der sechstgrössten Stadt der Schweiz treffe, rufe ich ihn deshalb sicherheitshalber vorher an und erfrage die aktuelle Wetterlage. Somit vermeide ich, zugepackt mit Mantel und Schal dazustehen, wenn das Wetter eigentlich nach Kleid und Flip Flops ruft.

Egal, wie es am 13. August um das Wetter steht, mein Fuss und ich werden da sein, wenn es heisst: Lasst die Winterthurer Musikfestwochen beginnen!

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