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Wort der Woche: «Gebärdensprache»

Nach der Begegnung mit einem gehörlosen Mädchen wusste Gabriela Hauswirth schon mit zwölf Jahren, dass sie Gebärdensprachdolmetscherin werden wollte. Inzwischen übersetzt sie nicht nur die SRF-Tagesschau in die Gebärdensprache, sondern auch ganze Konzerte. Im Interview erklärt die Hörende unter anderem, ob es in der Gebärdensprache auch Dialekte gibt und was unter einem Bilingual Slam zu verstehen ist. 

Gabriela Hauswirth in Ihrem Element: Bei der Gebärdensprache spielt die Mimik eine grosse Rolle.

Gabriela Hauswirth in Ihrem Element: Bei der Gebärdensprache spielt die Mimik eine grosse Rolle.

Welches ist für Sie die grösste Herausforderung beim Dolmetschen der Tagesschau?
Die Tagesschau zu dolmetschen, bedeutet, während 25 Minuten komplexe Inhalte in die Gebärdensprache zu übersetzen – und das live und in einem sehr hohen Tempo. Die Gebärdensprache besitzt eine andere Grammatik als die deutsche Sprache, und der Satzaufbau wird visuell im Raum dargestellt. Meine Arbeit ist keine Wort-für-Wort-Übersetzung, sondern eine kulturelle Verdolmetschung des Inhalts, der Intention und der Ausdrucksweise des Gesagten. Wird zum Beispiel jemand interviewt, der gerade seine Familienmitglieder und sein Hab und Gut in einer Umweltkatastrophe verloren hat, besitzt dieser Beitrag eine andere Energie, als wenn vom Neubau eines Pharmariesen berichtet wird. Die Sprachstruktur vorverfasster und abgelesener Moderationen und Beiträge ist ausserdem komplexer als die spontaner Aussagen.

Sie waren mit Patent Ochsner unterwegs und haben das ganze Konzert in Gebärdensprache übersetzt. Wie gebärdet man Musik?
Das Fachgebiet der Musikübersetzung bedeutet eine intensive Auseinandersetzung mit den Musikern, dem Musikstil, den Texten und dem Rhythmus. Denn all dies wird übersetzt. «Man muss es sehen, um es zu verstehen», ist eine der Erkenntnisse dieser Sparte, die immer öfter zur Arbeit einer ausgebildeten Dolmetscherin für Gebärdensprache gehört. Der Verein für Musik und Gebärdensprache (MUX) organisiert den Gehörlosen Zugang zu fünf bis sechs Musikveranstaltungen pro Jahr. Wer darüber informiert sein will, kann sich über www.mux3.ch für den Newsletter anmelden.

Neben Musikkonzerten dolmetschen Sie auch an Bilingual Slams. Was muss man sich darunter vorstellen?
Bilingual Slams sind Slams, bei denen sowohl Gebärdensprachbenutzer als auch Sprechende antreten, deren Storys live übersetzt werden. Alle haben Zugang zu dieser Form der Sprachkunst, da die Dolmetscher/innen entweder direkt auf der Bühne die Darbietung eines Slam-Poeten dolmetschen oder einen gehörlosen Slam-Poeten via Mikrophon in die Lautsprache übersetzen. Wie bei Konzerten auch, sieht man dem Publikum nicht an, wer die Gebärdensprache und wer die Lautsprache benutzt.

Gibt es in der Gebärdensprache auch Dialekte oder verschiedene Sprachen?
Ja natürlich – Sprache entsteht dort, wo Menschen zusammentreffen und miteinander kommunizieren. In der deutschschweizerischen Gebärdensprache gibt es fünf Dialekte. Heute unfassbar: In der Schweiz war die Gebärdensprache bis in die 80er-Jahre in der Schule verboten, weshalb die gehörlosen Schüler heimlich und in der Pause gebärdeten. Auf diesem Weg und durch ein sehr lebendiges Vereinswesen der Gehörlosen wurde die Sprache trotz Unterdrückung weitergegeben.

Und was ist mit der Grammatik?
Nun, es gibt eine; sie ist aber grundverschieden von der Grammatik der deutschen Sprache. Dabei spielen die Bewegung der Hand und der Ort der Gebärde eine zentrale Rolle. Auch die Mimik, die von Nicht-Sprachkundigen als lebhaft empfunden wird, beinhaltet viele grammatikalische Funktionen.

Was haben Ihrer Meinung nach Gebärdensprachdolmetscher/innen und «normale» Dolmetscher/innen gemeinsam?
Beide sind Hirn- und Herzarbeitende, die versuchen, Menschen zu verstehen und Inhalte, Gefühle und Ideen des Sprechers dem Gegenüber zugänglich zu machen. Sie bauen täglich Brücken, die mehr Verständnis schaffen. Als ich einmal ein Gespräch zwischen einer blinden und einer gehörlosen Person übersetzen durfte, war das für mich das Sinnbild, wozu Dolmetscher/innen beitragen – egal, mit welchen Sprachen sie arbeiten. Menschen, die sich sonst nicht verstehen können, bekommen dank den Dolmetschern/Dolmetscherinnen die Möglichkeit, voneinander zu lernen, sowie einen Einblick in eine ihnen fremde Welt.

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