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Wort der Woche «Arbeitszeugnis»

Sie sind Arbeitgeber und einer Ihrer Mitarbeiter hat gekündigt oder muss entlassen werden? Sowohl für Sie als auch für Ihren Mitarbeiter stellt das bevorstehende Arbeitszeugnis eine Herausforderung dar: Für Sie beim Verfassen, für Ihren Mitarbeiter beim Lesen. Wir machen Sie in diesem Gebiet sattelfest, so dass Ihnen niemand ein X für ein U vormachen kann.

Ein gutes Arbeitszeugnis ist schon die halbe Miete. Zwar ist es nicht das Arbeitszeugnis, das bei einer Bewerbung von den Personalverantwortlichen zuerst ins Visier genommen wird, sondern der Lebenslauf. Im Blog von Adecco erfahren Sie, wie der perfekte CV aufgebaut ist. Enthält der jedoch Unklarheiten, z. B. aufgrund häufiger Jobwechsel, hat das Arbeitszeugnis seine Sternstunde. In den meisten Fällen wollen Arbeitgeber ihre ehemaligen Mitarbeitenden auf ihrer weiteren beruflichen Laufbahn mit einem guten Arbeitszeugnis unterstützen. Doch wie schreibt man ein gutes Zeugnis? Und für die Arbeitnehmer stellt sich hier die Frage, wie man es richtig interpretiert.

Manche erleben beim Lesen ihres Arbeitszeugnisses ihr blaues Wunder.

Manche erleben beim Lesen ihres Arbeitszeugnisses ihr blaues Wunder.

Versteckte Codes
Die berühmt-berüchtigten Codierungen, sprich positiv formulierte negative Qualifikationen, sind eigentlich verboten, da sie gegen den Grundsatz der Wahrheit und Klarheit verstossen. Trotzdem tauchen sie hie und da auf. Es muss nicht mal eine böse Absicht hinter den Codierungen stecken, aber sobald man Standardsätze blind übernimmt, legt man dem Arbeitnehmer unter Umständen ungewollt Steine in den Weg. Ist dies der Fall, hat der Arbeitnehmer das Recht, sie durch unverdächtigere Sätze ersetzen zu lassen. Steht in einem Arbeitszeugnis z. B., der Arbeitnehmer habe sich «stets bemüht» oder «sein Bestes gegeben», sollten die Alarmglocken läuten. Denn das heisst nichts weniger, als dass die Leistung mangelhaft war. Achten Sie deshalb darauf, dass im Zeugnis das Verhalten als «Er/Sie erledigte die Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit» oder «Ihre Leistungen waren überdurchschnittlich» beschrieben wird – vorausgesetzt natürlich, dass der Arbeitnehmer während der Arbeit nicht ständig die Füsse auf den Tisch gelegt hat (auch wenn das die Durchblutung fördert). Im Tagesanzeiger können Sie prüfen, wie gut Sie sich mit Codierungen auskennen.

Recht auf Arbeitszeugnis
Ein Arbeitszeugnis sollte zwar wohlwollend formuliert sein, was aber nicht heisst, dass ein Anspruch auf ein rundum positives Arbeitszeugnis besteht. Negative Äusserungen im Zeugnis sind erlaubt, sofern sie der Wahrheit entsprechen und nicht den Leistungswillen, sondern die Leistung und das Verhalten bewerten. Wurden seitens des Arbeitnehmers z. B. mehrmals Weisungen missachtet oder schränkt eine aktuelle Krankheit oder eine Sucht die Arbeitsleistung erheblich ein, darf bzw. sollte dies erwähnt werden. Seltenes Zuspätkommen oder einzelne schlechte Arbeitsleistungen haben in einem Arbeitszeugnis jedoch nichts zu suchen. Fakt ist, dass jeder Arbeitnehmer jederzeit das Recht auf ein Arbeits- bzw. auf ein Zwischenzeugnis hat – ein Grund ist nicht erforderlich. Falls Sie als Arbeitgeber gerade überhaupt keine Zeit haben, kann Ihnen der Arbeitnehmer durchaus einen selbst verfassten Text vorschlagen. Falls das nicht klappt und Sie weiterhin kein Zeugnis ausstellen, hilft es dem Arbeitnehmer, schriftlich eine Frist von ca. zwei Wochen zu setzen. Nach Ablauf dieser Frist wäre der nächste Schritt das Einschalten des Friedensrichters und, falls nötig, des Arbeitsgerichts – denn führt ein ungerechtfertigt schlechtes oder hinausgeschobenes Zeugnis dazu, dass der Arbeitnehmer keine neue Stelle findet, kann das Unternehmen schadenersatzpflichtig werden.

Als Arbeitnehmer und -geber ist es wichtig, die Arbeitsrechte zu kennen.

Als Arbeitnehmer und -geber ist es wichtig, die Arbeitsrechte zu kennen.

Von hinten nach vorne
Doch was muss alles ins Arbeitszeugnis rein? Wichtige Personalien wie Name, Geburtsdatum und Heimatort sowie der Tätigkeitsbereich und die Positionsbeschreibung dürfen auf keinen Fall fehlen. Anschliessend soll der Fokus auf die Arbeitsleistung und das Verhalten des Beurteilten gegenüber Mitarbeitenden, Kunden und dem Vorgesetzten gelegt werden. Je persönlicher und individueller Ihr Schreibstil dabei ist, desto mehr Wertschätzung bringen Sie dem Zeugnisempfänger entgegen. Fällt das Zeugnis eher wortkarg aus und strotzt es vor Standardsätzen, werten Sie es dadurch automatisch ab. Allgemein ist es so, dass Personalverantwortliche beim Arbeitszeugnis so vorgehen wie die Japaner bei einem Buch: Sie lesen es von hinten nach vorne. Der Schlusssatz ist deshalb von besonderer Wichtigkeit, da er darüber informiert, wie das Arbeitsverhältnis geendet hat. Ein Austritt «im gegenseitigen Einvernehmen» deutet darauf hin, dass der Mitarbeiter entlassen wurde. Wenn Sie hingegen Dank und Bedauern ausdrücken, hinterlässt der Angestellte wohl eine grosse Lücke in Ihrem Betrieb. Gut zu wissen: Gegen den Willen des Arbeitnehmers dürfen Sie den Grund für die Auflösung des Arbeitsverhältnisses nicht nennen.

Sie müssen ein Arbeitszeugnis schreiben und sind total überfordert? Die TRANSLATION-PROBST AG bietet Ihnen einen professionellen Texter an, der sich in der HR-Branche sehr gut auskennt. Falls Sie auf der Suche nach einem neuen Mitarbeiter mit dem passenden Potenzial sind, erfahren Sie hier, wie Sie Ihr Stelleninserat auf Vordermann bringen können.

  1. 20. Juli 2015, 21:51 | #1

    Meiner Meinung nach sind auch die Kodierungen über Ländergrenzen hinaus hie und da unterschiedlich. Wenn man bei der Jobsuche Schweiz mit einem in Deutschland ausgestellten Arbeitszeugnis daherkommt, sind die Voraussetzungen nicht immer die gleichen. Dabei ist es meist auch egal, ob es sich um Kaderstellen oder „lediglich“ um eine Teilzeitstelle oder um Temporärstellen handelt. Das Job suchen in der Schweiz wird so manchmal schwieriger.

  2. 21. Juli 2015, 08:33 | #2

    Das kann gut sein, liebe Carmen. Meiner Meinung nach ist der Sprachcode zwar fast der gleiche, Unterschiede bestehen aber in den Massstäben der verschiedenen Autoren. Sprich Textbaustände werden leicht unterschiedlich bewertet.

    Treffsichere Grüsse
    Professor Tell

  3. 16. März 2016, 16:02 | #3

    Führt das Zeugnis keinen Grund für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses auf, so können eventuelle Unstimmigkeiten im Arbeitsverhältnis hier nicht ausgeschlossen werden. Der Beendigungsgrund sollte also unbedingt im Zeugnis benannt werden.

    Die Formulierung „… scheidet im beiderseitigen bzw. gegenseitigen Einvernehmen aus“ verweist wirklich auf eine Kündigung durch den Arbeitgeber. Eine wirklich einvernehmliche Aufhebung wird wie folgt bescheinigt: „im (beiderseitigen) besten Einvernehmen“.

    Gerade weil Arbeitnehmer keinen rechtlichen Anspruch auf eine Ergänzung der Dankes- und Bedauernsformel haben, ist diese ein wichtiges Kriterium bei der Beurteilung, ob es sich wirklich um ein gutes Zeugnis handelt.

  4. 17. März 2016, 10:07 | #4

    Liebe Frau Weber

    Herzlichen Dank für Ihre wertvolle Anmerkung!

    Treffsichere Grüsse
    Professor Tell

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