Wort der Woche «Olympia»

166 teilnehmende Länder, mindestens so viele Sprachen und eine lange Tradition – das sind die Olympischen Spiele, die anfangs August trotz ewiger Diskussionen um Doping, Zika und Armut in Rio de Janeiro stattfinden. Bevor die Massenmedien nun wieder das Weltgeschehen zugunsten des sportlichen Grossanlasses zu ignorieren versuchen, nutzen wir die Gelegenheit, Interessantes und Kurioses zur «Olympiade» zu berichten.

Rio ruft, und Athleten aus 166 Nationen kommen – die TPAG macht Sie fit.

Rio ruft, und Athleten aus 166 Nationen kommen – die TPAG macht Sie fit für Olympia.

Der Begriff «Olympiade» bezeichnet eigentlich den Zeitraum von vier Jahren, der zwischen den jeweiligen Olympischen Spielen liegt, nicht die Spiele selbst. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich dieser falsche Ausdruck aber längst etabliert. Auch wird in den Zeitungen «Olympionike» meist synonym mit Olympiateilnehmer verwendet. Etymologisch betrachtet ist dies Nonsens, setzt sich das Wort doch aus «Olympischen Spielen» und «Sieg» zusammen und bezeichnet damit einzig den «Olympiasieger».
Seit den Spielen 1964 in Tokio leisten die Athletinnen und Athleten ein Gelöbnis, das da lautet: «Im Namen aller Teilnehmer verspreche ich, dass wir uns bei den Olympischen Spielen als loyale Wettkämpfer erweisen, ihre Regeln achten und teilnehmen im ritterlichen Geist zum Ruhme des Sports und zur Ehre unserer Mannschaften.» Es scheint aber seit Längerem, dass sich bei der Übersetzung ins Russische Fehler eingeschlichen haben. So soll Russland als Nation dieses Jahr vom Turnier ausgeschlossen werden, sollten die Verantwortlichen die staatlich verordneten Dopingmittel-Abgaben nicht geschickter zu vertuschen vermögen.

Früher war alles besser

In der Antike gab es einige kleine Auflagen, die die Athleten erfüllen mussten, um an den Spielen teilnehmen zu dürfen. Zuallererst musste man Grieche sein und unbescholten – und dann männlich. Frauen waren sowohl als Athletinnen wie auch als Zuschauerinnen von den Spielen ausgeschlossen. Die Ausnahme bildeten unverheiratete Mädchen (etwas Ansporn schadete wohl auch den jungen Griechen nicht). Überhaupt durften Frauen erst 1928 erstmals bei den Spielen in Amsterdam an Leichtathletikwettbewerben teilnehmen – aber nur in den fünf Disziplinen Hochsprung, Diskuswerfen, 100-Meter-Sprint, 800-Meter-Lauf und 4×100-Meter-Staffel. Alle anderen Wettbewerbe wurden als «unweiblich» oder «zu anstrengend» erachtet. Nachvollziehbar wird dies, wenn man bedenkt, dass die Schwimmwettbewerbe 1896 in Athen noch im offenen Meer bei 13 Grad Wassertemperatur abgehalten wurden. Immerhin gab es schon damals allerhand zu gewinnen: Der Sieger bekam eine Silbermedaille und einen Olivenzweig, der Zweitplatzierte eine Bronzemedaille und einen Lorbeerzweig, doch der Dritte ging leer aus. Gold wurde erstmals bei den Spielen 1908 in London verliehen, pardon, in die Hand gedrückt. Erst seit 1960 werden die Medaillen den Gewinnern medienwirksam am Band umgehängt (Fernsehübertragungen gibt es schon seit 1948).

Skurriles und Kurioses

Nicht nur sportliche Höchstleistungen, sondern auch bizarre Momente fanden zahlreich ihren Weg in die Geschichtsbücher. So soll 1908 der britische Läufer Wyndham Halswelle beim 400-Meter-Lauf die Goldmedaille ganz ohne Rivalen gewonnen haben – er trat im finalen Lauf gegen drei Amerikaner an, die unfairerweise die Ellenbogen einsetzten und ihn ins Straucheln brachten. In der Folge wurde ein Gegner disqualifiziert, und die anderen zwei wollten aus Protest nicht starten. Da lief Halswelle kurzerhand allein.
Es heisst, der US-Amerikaner Fred Lorz habe 1904 in St. Louis den Marathon mit auffallend grossem Vorsprung gewonnen. Er hatte die Strecke zwischen Kilometer 14 und Kilometer 34 mit dem Auto zurückgelegt.
Des Weiteren wurde der Schwede Ingemar Johansson im Finale des Boxwettbewerbs 1952 in Helsinki in der zweiten Runde wegen «Feigheit» disqualifiziert – seine Silbermedaille wurde ihm erst 1981 nachträglich zugesprochen.
Und schliesslich die Geschichte der britischen Judokämpferin Debbie Allan: Nachdem ihr beim Wiegen mehr als 52 kg angezeigt wurden, schnitt sie sich die Haare und schwitzte drei Stunden lang. Da dies nicht half, zog sie sich nackt aus. Doch die Waage zeigte noch immer 50 Gramm zu viel an – somit war für die Athletin Olympia vorbei.

Vergessene Sportarten

Regelmässig überprüft das Olympische Komitee die Wettbewerbe, adelt gewisse Sportarten als olympisch und entlässt andere aus dem Programm. So wurden beispielsweise Fassspringen 1904 und Seilklettern 1932 letztmals ausgetragen. Turniere in Lacrosse, einer Ballsportart, die im angelsächsischen Raum äusserst populär ist, wurden einzig an den Olympischen Spielen von 1904 und 1908 ausgefochten.
Zwischen 1912 und 1948 wurden auch Medaillen in sogenannten Kunstwettbewerben vergeben. Zu diesen gehörten Disziplinen wie «Architektonische Entwürfe», «Zeichnungen und Aquarelle», «Lyrische Werke» und «Musik».
Ich stelle mir vor, wie amüsant es wäre, diese Disziplinen mit Leichtathletik zu verbinden – verschwitzte Läufer malen mit zitternder Hand die zartesten Aquarelle. Gewichtheber, Athleten wie Baumstämme, interpretieren mit sonoren Stimmen luftige Arien. Vielleicht aber bleibt jeder besser bei seiner Disziplin: Die Sportler treiben Sport, die Texter schreiben Spott. Und alle vertrauen darauf, dass die besten Übersetzer ihre Leistungen treffsicher in alle Welt verbreiten.

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